Beispiel Wien

Wien ist eine Weltstadt mit dem Ruf einer Kunststadt. Sie bedient Touristen im Museumsviertel, inszeniert Kunsthandel und Messen auf der Insel und fördert in den Quartieren lokales wie überregionales Kunstschaffen in einer unüberblickbaren Vielzahl. Dazu kommen unzählige Stiftungen, private und gewerbliche Förderungen dazu, die je nachdem Anbindungen an internationale wie lokale Galerien oder an die Akademie haben.

Kultur ist im Öffentlichen Bewusstsein keine labidare Nebenbeschäftigung. Kunst ist mit der Geschichte Wien's und ihrem Selbstverständnis verknüpft. Die Monarchie hat genauso ihre epochalen Kunstwerke geschaffen wie das Proletariat und die Bürgerschicht im 20. Jh.. Ob die Figur nun eine sozialistsiche, kommunistische oder liberale Gesinnung hatte, hat wenig Einfluss auf die Wertschätzung des Oevres. Man ist Stolz auf das erreichte und betreibt damit äusserst erfolgreich Touristik für verschiedene Angebote auf verschiedenen Niveaus. Oberschicht, Mittelschicht und Unterschicht haben ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein und hüten ihr Kunst-Erbe. Der Wiener Schmäh zeugt von dieser auch in der Freien Szene ungebremsten Selbstbewustsein. Ihre Förderkonzepte - wenn auch mit sehr unterschiedlichen Mitteln ausgerüstet - ergänzen sich. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist in Wien ein alltägliches Geschäft. Netzwerke sind die Überlebensstrategie. Kämpfe für die bestehenden Rechte gehören beinahe schon zur Kultur. Jede Reduktion der Öffentlichen Gelder für Kultur führen zu Protesten, die meist mit einem Kompromiss enden, mit dem alle Leben können. Das hat mit der pragmatischen Kunstphilosophie zu tun, die ganz anders als im puritanischen Zürich, fast an die Leidenschaft des Kunstverständnis der Mittelmeeranrainer kommt, nur einfach dazu paart sich noch das Erbe der Geistesgrössen, für die in der Stadt Wien an jeder Ecke ein Denkmal steht:

Wer Kunst schafft folgt einem intrinsischen Instinkt, der in seiner Seele angelegt ist, den der Krämer nicht hat. Die Krämergilde wie die KünstlerInnen verfügen aber beide über ein Talent. Talent geht immer über das Normale hinaus und braucht einen Nährboden auf dem es gedeiht. Dieser Nährboden ist das kulturelle Leben der Stadt. Darum haben beide die gleichen Interesse. Beides besteht nebeneinander im gesellschaftlichen Dasein und beiden lässt es den Raum, es dem anderen nicht neiden zu müssen.

Auch Wien leidet unter steigenden Mietpreisen und die Kosten sind heuer durch den Krieg in der Ukraine im Vergleich zu Zürich viel teurer geworden. Die lokale Kunstschaffenden werden mit den teuren Wohnungen von der Innenstadt in die Aussenquartieren Wiens gedrängt, wobei es in diesen Aussenquartiere auch historische Bausubstanzen hat, die den Vergleich mit der Innenstadt nicht scheuen müssen. So ist es normal, dass man mit zunehmenden Alter eher in die Peripherie zieht, um den Kinder einen sicheren Schulweg zu gewähren. Viele historische Häuser mit grssen Wohnungen in der Innenstadt sind in einem renovationsbedürftigen und unisolierten Zustand. Pitoresker Wohnraum, den vor allem WGs nutzen. Auch ist es in Wien für viele Gelegenheiten von Vorteil ein traditionellen Namen zu tragen. Auch nicht unwichtig für die Freie Szene ist die bisher eher laschen Sanktionen gegenüber Kultur-Veranstaltungen, die keine Bewilligungen haben. Diese reibt sich seit jüngerer Zeit aber auch an den Zugezogenen, die teure Wohnungen im Umfeld haben.

Der eigentliche Vorsprung auf Zürich zeigt sich vor allem in dem offenen Diskurs über den Mangel. Die Grösse einzugestehen, eher auf die Pläne B und C zu setzen, anstatt ständig von dem Traum A zu träumen, der sich nicht einlösen lässt. Aber dafür müssten die Institutionen und die Förderungsbehörde in Zürich sich erst ein kulturelles historisches Bewusstsein erarbeiten.