Kunstmuseum Zürich










Kapitel 1

Zürichs Geschichte bis Ende 15. Jahrhundert



Inhaltsverzeichnis



Ab 1200

Zerfall der hochmittelalterlichen Autoritäten

Kaiser und Papst danken ab. Von der göttlichen Ordnung wird vermehrt auf das irdische Niveau von kommunalen Gesetzen und Sippen-Moral gesetzt, die dem Handel und den Gepflogenheiten in den Dörfern wie Städten entgegen kommt. Reiche zersplitterten in viel kleinere Hoheitsgebiete, die untereinander immer zerstritten und in jeder Art von Dekadenz verloren (Sigmund Widmer, Zürich eine Kulturgeschichte). Die niederen Kaufleute, Handwerker, Reisläufer und Beamte wollten auch Anteile an der Macht. Sicherheit, die ihre erreichten Pfründe nicht von der Willkür von Vögten, Rittern und Günstlingen von König und Kaisern abhängig wissen wollten. Die Pest und die Ohnmacht der Adeligen und der Kirche gegenüber diesem Unheil, nährte diesen Umabhängikeitsdrang umso mehr, als die politische Führung, u.a. Brun, seit geraumer Zeit die Situation in Zürich nicht stabilisiern konnte, sondern immer wieder zwischen einer Kooperation mit Habsburg oder den Waldstätten hin und her schwankten. Diese opportunistische Haltung verhinderte längerfristige Verträge und sichere Handelswege. Erst mit dem miltärischen Fokus auf Landsicherung, der durch den materiellen Reichtum durch den Solddienst (z. B. Waldmann) zustande kam, wurde Zürich als eigenständiges Gebiet von den damaligen Eidgenossen akzeptiert.

System der Angst

Die Macht des Stärkeren, war im Hochmittelalter bis zur Aufklärung uneingeschränkt das beliebteste politische Mittel. Der Papst, die Kaiser und Könige, das Dorf und bis in die Familien hinein wandten die Mächtigen das Faustrecht an, wenn ihre eigenen Interessen nicht durchgesetzt werden konnten. Es gab zudem die Fehde, eine Rechtsform, in der jeder Geschädigte Rache ausüben durfte. Eine Form der Blutrache, die ohne dritte Instanz, also Gericht, auskam. Die Leibeigenen in den Städten und die Untertanen in den Tälern des Mittelalters, hatten keine Rechte. Sie wurden von den Rittern und Adeligen nach Belieben gerichtet oder von der Kirche gebrandtmarkt, gesiedet, gesteinigt, erhängt oder gerädert. Das Volk sah dabei zu, wie an der Badenerstrasse, wo noch um 1700 herum die Zuschauerränge erweitert wurden. Erst 1869 schaffte das Zürcher Stimmvolk die Todestrafe ab.

Der "Philantrop" als Geschäftsmodell

Gesellschaftliche Veränderungen vollziehen sich vor allem in den Städten. Die neuen "pseudoadeligen" Bürgerschichten verbesserten das Leben ihrer direkten Angestellten und Untertanen. Für diese "Unternehmer" waren diese nun Wahlstimmen und Anhänger, oder gute angelehrte Arbeitstkräfte, die zum Wohlstand beitrugen. Je mehr sich das Handwerk in den Städten spezialisierte, desto wichtiger wurde die Anbindung von "Fachkräften" an den Betrieb. Die Qualität des Lebensstandarts der ausgebildeten HandwerkerInnen wurde zum Thema. Hier entwickelte sich aus rein ökonomischen Gründen ein Art Wohlwollen der Patrone (wohlhabende Bürger) oder Mäzene (adelige und Kleriker), die aber erst später, als im Zuge des Humanismus der antike Begriff Philantrop aufkam. Im Hochmittelalter war die Absicht noch ordinärer, dafür transparenter als heute.


Bildrechte: Direktmedia. Albrecht Dürer
- The Yorck Project (2002)


Der steinreiche europäische Händler 1. Jakob Fugger aus Augsburg (1459-1525) im Bild oben, stiftete die weltweit erste 2. Sozialsiedlung 1521, tat dies nicht uneigennützig. Erst 1873 wurde in Zürich durch den Textilunternehmer Johann Heinrich Fierz im Kreis 5 die erste Sozialsiedlung gebaut.

"Kompromisspolitik"

Die kleinen, meist katholischen, Stände, waren es, die aus Angst vor der Übermacht der grossen Machtvolumen der moderneren Städte, auf das austarieren der Machverhältnisse zugunsten von Minderheiten pochten und dadurch den Grundstein für das Ideal der Kompromisspolitik legten, die in der nationalen Politik gerade wieder einen schweren Stand hat. Kulturell gesehen, sind Volksmehr, Ständemehr und Parität eine Debattenkultur, die zur Aufklärung und Demokratisierung beitrug, wenn auch die einzelnen Beweggründe in der langen Durchsetzungsgeschichte nur auf die Abwehr gegen neue Ideen aus den Städten diente. Dieser Konservativismus ist bis heute noch in vielen kleinen Kantonen politischer Alltag.

Das Glück war den Eidgenossen auch in ihren faulen Kompromissen hold. Die Eroberungsgelüste der grossen europäischen Mächte hielt sich nicht nur wegen den ärmlichen Verhältnissen in den Tälern und Sumpfgebieten in Grenzen. Als Lieferant von Waren und Soldaten sowie als natürlicher Puffer zwischen den verfeindeten Kräften Europas, wurden sie als nützlicher eingestuft. Kompromisse mussten auch im Inland geschmiedet werden, wenn sich Söldner in feindlichen Heeren gegenüber standen oder wenn die Kooperationsinteressen innerhalb der Eidgenossen die seltene Harmonie störten.

Zürich stand dem in Nichts nach. Zürich war das Paradebeispiel für die wechselhafte Liebe zu Grossmächten, Päpsten, Kaiser und auch der Eidgenossenschaften selbst.

Graf Rudolf von Habsburg (der I.)

Schirmherr der drei Waldstätte Uri, Schwyz und Unterwalden und der Städte Aarau, Baden. Wohnsitz auf dem Wülpelsberg im Aargau (bei Brugg). Er wird es bis zum Keyser (Kaiser) des heiligen römischen Reichs bringen. Er war diplomatisch geschickt und gemäss den Legenden etwas friedfertiger (Wohltätiger) als seine adeligen Zeitgenossen. Um das Jahr 1300 ging Zürich mit dem mächtigen Habsburger ein Bündniss ein, wie sie es auch mit anderen Potentaten der Zeit taten, um sich vor Belagerungen zu schützen und Handelsrouten zu sichern. Dazu gesellten sich die Inneren Orte der Innerschweiz und der süddeutsche Städebund, alles aber nur befristet. Ein wildes hin und her von Versprechungen und Eiden, die jederzeit aufgelöst oder erweitert werden konnten. Die Bevölkerung ausserhalb der Stadtmauern konnte am Abend ins Bett gehen und am nächsten Tag bereits einem anderen Bund angehören, wenn sie nicht zwischenzeitlich von raubenden Vögten oder Burgherren ausgelöscht wurden.


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Legende: Die Gründe für als „räuberisch“ empfundene Aktionen von Rittern (genauer: von Angehörigen des Niederen Adels) waren sehr unterschiedlich. Das Austragen von Fehden war stets Teil der ritterlichen Lebensweise gewesen und wurde der freien, waffenberechtigten Bevölkerung in großen Teilen des mittelalterlichen Europas sogar lange Zeit rechtlich zugesichert (seit Barbarossa jedoch nur montags bis mittwochs, dazwischen lag der sogenannte Gottesfrieden). Erst seit dem Landfrieden von 1495 waren Fehden ganz verboten. Im Rahmen der Fehdeaustragung waren meist Bauern die Leidtragenden, denn die Ausplünderung oder Brandschatzung der Hintersassen des Fehdegegners war üblich, um sich für Forderungen schadlos zu halten oder den Gegner durch Schädigung seiner ökonomischen Grundlagen zu strafen.

Die Nachfolger von Rudolf I

Das Verhältnis zwischen den Habsburgern und den Zürchern kühlte in der Folge rasch ab. Rudolfs Erben stritten untereinander, meuchelten sich bei Brugg gegenseitig und manche starben im unbekannten Asyl in Armut. Unverlässliche Partner, die stets ihre Meinung ebenso schnell änderten, wie Zürich selbst, wenn es den eigenen Interessen diente. Um sich vor den verbliebenen Rittern, österreichischen und badischen Herzögen und den Habsburgern zu schützen, gab es für Zürich nur die Möglichkeit Bündnisse mit anderen kleineren Parteien einzugehen.

Ab 1351 (siehe Absatz Rudolf Brun) kam der Bund der Waldstätte sowie Luzern ins Spiel, die zu der Zeit bereits mehr Privilegien beim Kaiser ausgehandelt hatten, wie z. B. die Reichsunmittelbarkeit. Diese bot den Vorteil nur dem Kaiser unterstellt zu sein und damit z.B. die Gerichtsbarkeit selbst auszuführen und nicht der Willkür der kaiserlichen Statthalter den Grafen oder Herzögen ausgeliefert zu sein. Das war wichtig, den unter den losen lokalen Bündnissen ging es auch darum, dass Urteile der Schiedsgerichte untereinander anerkannt wurden. Das römische Recht galt damals noch nicht. Je nach Tradition urteilten die eigenständigen Stände über die Vergehen. Verurteilte oder Schuldner konnten so einfach das Gebiet wechseln und sich niederlassen, ohne belangt zu werden. 1389 schlossen die Habsburger mit den Eidgenossen einen siebenjährigen Frieden, der später auf zwanzig und 1412 auf fünfzig Jahre verlängert wurde. Zürich im Verbund mit den Bernern und Innerschweizer brachen diesen Friedenseid umgehend wieder, als sie 1415 den Aargau eroberten.

Schwieriges Verhältnis: Zürich und Winterthur

1292 zogen Truppen der Reichsstadt Zürich, Uri, Luzern und Schwyz gegen das von dem Habsburger Herzog Albrecht von Österreich regierte Winterthur. Die antihabsburgische Koalition zerbrach nach der verlorenen Schlacht in St. Georgen. Erst 1460 belagerten die Eidgenossen Winterthur wieder, als diese den Thurgau eroberten. Sie hielten stand, wurden aber 1467 der Stadt Zürich verpfändet. Winterthur verblieb bis 1798 unter Zürcher Herrschaft. Zürich überliess Winterthur viele Stadtrechte, behielt aber bspw. die Reispflicht. Viele wohlhabende Winterthurer verliessen die Stadt. Zürich verweigerte auch die Loslösung aus der Verpfändung. Erst nach der Reformation ebneten sich die Wellen, allerdings verhinderte Zürich mehrfach eine Erweiterung der Stadt durch Landerwerb. 1720 intriegierten sie gegen den Schultheiss Steiner von Winterhur und liessen ihn verhaften. Grund dafür war ein von ihm angeforderte Rechtsgutachten von zwei Universitäten, die Zürich Machtmissbrauch vorwarfen. Erst 1772 durfte Winterthur eine Buchhandlung eröffnen und eine Druckerei wurde nie erlaubt. Erst mit dem Ende der Alten Eidgenossenschaft und den napoleonischen Truppen 1798 verlor Zürich den Einfluss.

Ab 1300

Bürgermeister Rudolf Brun

Erster Bürgermeister von Zürich. Geboren ca. 1290–1300; † 1360 in Zürich

In Zürich stritten sich lange Zeit die einstigen Ritter und Bürger, die sich gerne Adelige nannten, mit den die Kaufmänner und Gewerbeleuten um die Macht. Es gab Umsturzversuche bis sich irgendwann durch den prosperierenden Handel die Kaufleute, Geldhandel und das Gewerbe mit ihren Reichtümer letztlich durchsetzten. Die Zünfte ordneten das politische System neu, mit einem grossen und kleinen Rat. Am Ende entschieden ein paar Familien im Geheimrat die grossen Züge, während das Tagesgeschäft nach unten durchgegeben wurde. Erst als die anwachsende Verwaltung gutbezahlte Mandate auslöste, schnappten sich die wichtigsten Familien die Posten, verheirateten sich untereinander und ergänzten im späten 18. JH., per Gesetz deklariert, ihren Namen mit einem von. Wieso das heute noch als Auszeichnung gilt, bleibt, Angesichts des auf Kosten von Rechtlosen erreichten Reichtums und der Aneignung der staatlichen Ressourcen durch die Mandate der Verwaltung, rätselhaft. Ein Erklärungsansatz liefert ab 1500 die Reformation, die einen kulturellen Wandel einläuten sollte.

Brun und der Pogrom

Die Pest wütete ab 1348/49. Juden galten als Urheber der göttlichen Strafe. Verbrannt oder Verbannung, waren die gängigen Urteile. Das Eigentum wurde verteilt, wobei Rudolf Brun sich selbst am meisten abzweigte und dadurch heute als mutmasslicher Hauptverdächtiger gilt. Beim Rest. Neumarkt (siehe Foto.Quelle: Google.map) stand die 1349 zerstörte Synagoge. 1997 und 2022 verlangten Politiker (SP, AL) die Umbenennung der Rudolf-Brun-Brücke. 1951 wurde die Uraniabrücke (1913) umbenannt. Der Gemeinderat lehnte mit folgender Begründung ab : Der frühere Bürgermeister Rudolf Brun sei eine wichtige Persönlichkeit in der Geschichte Zürichs gewesen, das müsse man anerkennen. Zudem sei die Mehrheit der Bevölkerung damals antisemitisch gewesen. Dies müsse man in einen Kontext stellen. Nur den Namen zu streichen, reiche nicht (Quelle: Limmattaler Zeitung 22.12.2022).

Hintergrund des Machtwechsels

Gesinde, Leibeigene, Hörige und die Handwerker stellten in der Stadt Zürich Ende des 13. Jahrhunderts die Mehrheit der Bevölkerung, hatten aber fast keine politischen Rechte oder Schutz. 1357 wohnten in Zürichs Mauern 5700 bis 6850 Personen. Das Handwerk und der Handel waren die wirtschaftlichen Pfeiler der Stadt, während die intrigante Aussenpolitik der Adeligen immer wieder zu wirtschaftlichen Schwankungen führte, die sich die Bewohner nicht mehr zumuten wollten (Foto Stadtbuch von 1336, Quelle Wikipedia). Unter den Handwerkern gab es eine Fraktion, die auch Ratsmitglieder stellte, die ursprünglich Beamte von Klöstern, Königen oder Adeligen waren und deshalb als Vornehme zu den Kaufleuten hielten. Die Arbeitsbedingungen und Rechte der niederen Handwerker wurden nicht verbessert, so dass diese sich, orchestriert von Brun, mit den Adeligen zusammenschlossen, die ihre alten Pfründe wieder zurück wollten.


Ab 1400

Alter Zürichkrieg (1440–1450)

Streit gab es zwischen Schwyz und Glarus gegen Zürich um den Rickenpass und die Erbschaft vom Grafen Toggenburg. Zürich verband sich 1442 nach mehreren Niederlagen mit dem Habsburger Friedrich den III, während die Gegner Teil des 8 Orte Bündnis der Eidgenossen waren. Zürich erhob also den König formal zum Stadtherr der Reichsstadt Zürich. Interessanterweise wurde anfänglich Zürich die Allianz von beiden Seiten nachgesehen. Im Eidgenössischen Bündnis, der sie ja auch zugehörig waren, war verbrieft, dass die Mitglieder auch andere Bündnisse eingehen dürfen. Man nahm es also sportlich. Erst nachdem sich die Fronten zwischen Eidgenossen und Friedrich den III wieder verschärften, wurde von den Zürchern Klartext verlangt.

Der ehemalige Bürgermeister und Ritter Stüssi (gestorben 1443) von Zürich war Antreiber der kriegerischen Auseinandersetzung und sein persönlicher Feind war der Legende nach der versierte Taktiker und Schwyzer Itan Reding (siehe Bluttat beim Greifensee) und damit auch die Eidgenossen. Gegen den amtierenden Bürgermeister Rudolf Meiss, der eine friedliche Lösung mit den Eidgenossen suchte, intrigierte er solange, bis dieser schliesslich interniert wurde. Stüssi ritt anschliessend, entgegen dem Rat der Heerführer von Hallwyl und Rechberg, allein mit dem Zürcher Heer gegen die Eidgenossen, die sich nach der Heuernte in der Heimat, erst gerade wieder vor Zürich formiert hatte. Er starb bei St. Jabob auf der Shilbrücke den Heldentod. Nachdem seine Truppen unterlagen, hatte er immerhin den Mum den Rückzug zu decken, so die Legende.

Danach scheiterten Friedensverhandlungen durch einen Mob, der den Ratsaal stürmte und die Verhaftung und den Tod jener Räte verlangten, die den Eidgenossen zugewandt waren. Der Krieg wurde 1444 weitergeführt und endete erst 1446 auf Bestreben des Ludwig IV., genannt der Sanftmütige, nach einer längeren Pattsituation der Kriegsparteien. Die Eidgenossen hatten dabei aber Glück, dass König Ludwig XI von Frankreich sein 40'000 Mann starkes Heer nach einem Scharmützel in Basel mit 1600 Eidgenossen seine Pläne änderte, die Belagerungs Basel abbrach und den Zürchern nicht weiter half (siehe Teil 2. 14-1500). 1450 wurde der Frieden entgültig besiegelt und der alte Bundesbrief von 1351 wurde redigiert und umformuliert, damit der ewige Bund Zürichs mit den Habsburgern, die Harmonie des Eidgenössischen Bunds nicht schmälerte. 1474 endete, der seit 1291 schwellende Konflikt zwischen den Eidgenossen und den Habsburgern im Friedensvertrag Ewigen Richtung.


1442-1500

Bluttat von Greifensee

neumarkt Im April 1444 belagerte ein Innerschweizer Heerhaufen, unter ihnen der Hauptmann Itan Reding, die Stadt Zürich. Nach der Eroberung der Burg Greifensee, bei der 20 Stadtz6uumlrcher und 60 Landzürcher ihre Burg nach Verhandlungen unter der Bedingung freien Geleits übergaben, ließ der Hauptmann sie entgegen dem Versprechen auf grausame Weise einzeln enthaupten und am Ufer des Greifensees verscharren. Diese Tat gilt bis heute als die Schande der Eidgenossen. Ein Denkmal auf der Bluetmatt bei Nänikon erinnert seit 1842 daran (Bild oben rechts). Es sei das Erbärmlichste gewesen, das man je gesehen habe. Die Hingerichteten seien zu einem guten Teil nur arme und am Krieg unschuldige Bauersleute gewesen, schreibt der Schwyzer Chronist und Augenzeuge Hans Fründ (Wikipedia).



Belagerung von Zürich 1444 durch die Eidgenossen

Im Sommer belagerten die Eidgenossen 60 Tage lang die Stadt Zürich. Zürich rief deshalb den Deutschen Kaiser zu Hilfe.

Der König von Frankreich sandte auf Bitten des deutschen Kaisers 30'000 (andere Quellen 40'000) Armagnaken (Franzosen, Bretonen, Gascognern, Lombarden, Spaniern, Schotten und Engländern, zumeist berittenes Söldnervolk, davon 20.000 kampffähiges Volk) gegen Basel, angeführt durch Ludwig den XI. der Kluge († 30. August 1483). Nach einer zehnstündigen Schlacht, in der die 1600 Eidgenossen zwar vernichtend geschlagen wurden, liess sich König Ludwig der Kluge, irritiert durch die hohen Verluste bei dem Sieg, nicht mehr auf weitere Kämpfe ein. Er schloss Frieden mit den Eidgenossen. Zürich musste das Toggenburg und weitere Gebiete am See abgeben. Nachdem sie das Bündnis mit Österreich lösten wurden sie aber trotzdem in den nun gestärkten und engeren Bund der Eidgenossen wieder aufgenommen.


Bürgermeister Waldemann

Hans Waldmann von Blickensdorf (1435-1489) führte die Hauptmacht der Eidgenossen gegen die Burgunder (Schlacht bei Murten). Er lernte das Kriegshandwerk bei der Eroberung des Thurgaus und bei den Kriegszügen der Stadt Zürich in Konstanz (1458) und als Söldner (Reisläufer) im Allgäu. Er wurde in Murten zum Ritter geschlagen und stellte so den Ruf der Zürcher in den Reihen der Eidgenossen wieder her. Er stieg durch Heirat ins Eisengeschäft wirtschaflich und durch die Verwaltung des Klosters Einsiedeln gesellschaftlich auf und wurde in die Gesellschaft der Constaffel, gegründet 1336 (Ritter, Adlige, Rentner, Kaufleute, Gewandschneider, Wechsler, Goldschmiede, Salzhändler und Verlierer der Zunftrevolte 1336), aufgenomen. Gemäss Legende wurde ihm wegen der ärmlichen Herkunft trotzdem der nötige Respekt verwehrt. Er setzte sich für die Erweiterung der Brun'sche Zunftverfassung ein und wurde 1473 als Zunftmeister der Zunft zum Kämbel (Gärtner, Ölverkäufer, Kleinkrämer).
Waldmann versuchte gemäss der Legende Machtmissbräuche im Rat anzugehen, stellte sich gegen den Adel, gegen den Klerus von Zürich (er setzte die Äbtissin wegen Unfähigkeit ab, auch wegen Sittenzerfall unter den Klerikern), gegen das Landvolk (Schutz der städtischen Zünfte und für die Abschaffung des Söldnertums) und die Eidgenossen (seine persönliche Bereicherung beim Verhandeln mit den Habsburgern goutierten diese nicht). Das konnte nicht lange gut gehen. Zudem neigte er der Legende nach zu Gewalttaten. Er liess den Tuchhändler Frischhans Theiling, der einst als Hauptmann für die Tagsatzung 1478 (Versammlung der Eidgenossen) unter Hans Waldmann und Adrian von Bubenberg als Nachhut mit 557 Mann gegen eine Übermacht von 10'000 Mailänder im engen vereisten Giornico in die Flucht schlug, wegen Beleidigung seiner Selbst (offiziell wegen Beleidigung gegen Zürich) enthaupten. Frischhans war zehn Jahre danach geschäftlich in Zürich und kritisierte die Zahlung im Februar 1487 von 4000 Duakten an Waldemann für dessem Parteinahme für Mailänds Gesuch um Söldner.

Ein Gesetz zuviel

Zu den Besonderheiten von Zürich gehörte die Drei- bzw. Zweiteilung des Bürgermeisteramts auf die Zünfte. Halbjährlich besetzten diese das Amt. Einem von diesen, Göldi wurde die Freundschaft zu Richard von Hohenburg zu Verhängnis, der 1482 Asyl in Zürich suchte, weil er im Elsass wegen sexuellen Vergehen gesucht wurde. Der Bischof von Strassburg forderte die Herausgabe unter Kriegsdrohung. Schliesslich verurteilten die Zürcher Richard wegen Sodomie und nicht wegen der Unzucht mit seinem Knecht, was die Folterprotokolle verraten. Beide wurden durch Waldemann, als Oberzunftmeister dazu beamtet, verbrannt. Göldi, eigentlich ein geachteter Söldnerführer und Ritter (Grandson), verlor dadurch seine Stellung als Bürgermeister, während Waldemann im Amt verblieb. Sein Verhängnis wurde ein anderes Gesetz, wo er den Ummut des Landvolkes herausforderte, was ihn letztlich das Leben kostete. Ein Verbot von grossen Hunden kam nicht sehr gut an, weil es den Bauern verunmöglichte selbst zu jagen, da die Jagd mit auf Pferden den Adeligen vorbehalten war. Das Verbot war zwar nicht Waldemanns Idee, sondern von Göldi initiert worden und gemäss Legende: mit voller Absicht.

Aufstand der Bauern 1489

Die Bauern erhoben sich und zogen 1489 mit 2000 Mann vor das Stadttor, Anführer war Rudi Rellstab von Meilen. Sie riefen auch die Eidgenossen an, die sich auf ihre Seite stellten und eine Untersuchung verlangten. Waldemann fälschte umgehend die Unterlagen und verhederte sich immer mehr in Widersprüche. Seine Gegner standen noch draussen vor den Toren, nur durch Speis und Trank von der Erstürmung der Stadt abgehalten, riefen bereits nach seinem Blut.

Gefoltert und vier Tage in den Wellenberg gesperrt, unter meist frei erfundenen Anklagen, aber auch wegen der Sache von Frischhans, wurde er oberhalb des heutigen Bahnhofs Stadelhofen 1489 auf der Hegnauermatte enthauptet.

Auch im 20. Jahrhundert wurde Waldemann ein umstrittene Figur. Der Künstler Hermann Haller (1880–1950) fertigte 1937 ein Reiterstandbild an (...Waldemann ist ein Symbol meiner eigenen Abenteuerlust. TA, Martin Huber, 2013), erntete damit Kritik von Reaktionären Kreisen in den Kriegsjahren des 20 JH., die die nonchalante Haltung des Reiters kritisierten. Sie steht bis heute beim Fraumünster, initiert von der Zunft Kämbel, die Waldemann einst präsidierte. Die beiden Künstler Brita Polzer (Gegendenkmäler) und Carl Bucher (Verhüllung) hatten da andere Ideen, die aber auch auf wenig Gegenliebe bei ihren Zeitgenossen stiessen.


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Auswirkungen Kunst und Kultur Kapitel I.

Ist es Kultur zu nennen, wenn die Eidgenossen im Zürcher Brief 1351, ein Bekenntnis zur Erneuerung des Bundesbrief, festhielten, dass sich alle paar Jahre die Stände versammeln um niederzuknien und mit zertanen (offenen) Armen zu beten und dadurch um einen göttlichen Schub für das Bündniss und Heer zu bitten?.
Mit den offenen Armen zu beten, war in den Augen der damaligen Kirche ein Frevel. Trotzdem war den Eidgenossen diese areligiöse Geste für die Zugehörigkeit untereinander wichtiger, als der Segen der Kirche. Es war eine Verbrüderung zwischen den unterschiedlichen Glaubensrichtungen, zugunsten eines kriegerischen Rituals, was Angesichts der kommenden Schlachten nachvollziehbar ist. Es ist ein erster Akt der Aufklärung, der sich pragmatisch dort zeigt, wo die Krieger dem Tode stets sehr nahe, sich herausnehmen ihr Schicksal (und jenes im Jenseits) selber in die Hände zu nehmen.

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